ROMAN

Die Frauen von SJÄLÖ

© Verlag Ullstein. Nach einem Motiv von @ Hans Alm/Folio
© Verlag Ullstein. Nach einem Motiv von @ Hans Alm/Folio

Eine Nervenheilanstalt auf einer abgelegenen finnischen Insel. Früher wurden die Aussätzigen nach Själö geschickt, inzwischen werden ausschliesslich Frauen dort eingeliefert. Darunter befindet sich Kristina, die ihre beiden Kinder in einer Oktobernacht ertränkte. Die Geschichte beginnt 1891 und erstreckt sich über ein Jahrhundert durch die Perspektive von drei Frauenfiguren: Kristina, die nach dem Tod ihrer beiden Kinder als „unheilbar geisteskrank“ diagnostiziert wird, die 17-jährige Elli, die von zu Hause weggelaufen ist und aufgrund ihres wilden Lebensstils 1934 auf die Insel geschickt wird sowie die Krankenschwester Sigrid, die mehrere Jahrzehnte in Själö arbeitet. Die Geschichte der ersten Protagonistin spiegelt das ganze Leid und die Doppelmoral wider, denen Frauen in traditionellen ländlichen Gesellschaften ausgeliefert wurden: Kristina muss sich für ihre Vergewaltigung schämen, wird verstoßen, dann von ihrem Mann verlassen bis sie die Einsamkeit mit ihren beiden Kindern nicht mehr aushält und sie in den Fluss wirft. Die finnische Autorin Johanna Holmström zeichnet eine Welt, in der die Frauen lernen müssen, still zu bleiben. „Fügsamkeit ist eine Notwendigkeit“, denkt sich die Krankenschwester Sigrid, während sie die regungslose Elli badet. Die kühle Autorität des Arztes, der die Patientinnen wie exotische Tiere untersucht, fast seziert, auf der Suche nach Zusammenhängen zwischen körperlichen Symptomen und geistigen Verirrungen, lässt einen erzittern. Mit ihrer einfühlsamen und zugleich bildreichen Sprache, die die idyllischen Wasserlandschaften des Nordens malt, gelingt es der Autorin, uns in die Gedankenwelt ihrer Figuren zu transportieren und all diese vergessenen Stimmen, die auf dem Altar der Psychiatrie geopfert wurden, wieder an die Oberfläche zu holen. Man kann den Schmerz, die Angst und die eigene Entfremdung von Kristina und Elli wie bei einem Wachtraum genau spüren. Durch diese Frauenschicksale zeigt sie, wie Verrücktsein und Verrücktwerden je nach Kultur und Epoche unterschiedlich gelesen werden und wie oft sie soziale Missstände kaschieren. In ihrer Widmung schreibt die Schriftstellerin: „Für dich, die du dich auch schon mal gefragt hast, ob du verrückt bist oder es gerade wirst. Wahrscheinlich mit Recht.“  Auch die Rückkehr der Schuld und wie man daran zerbrechen kann sowie die Brutalität von Müttern gegenüber ihren Töchtern stellen zentrale Themen dieser Erzählung dar. Manche Stellen erinnern an den starken Roman „Beloved“ der US-Autorin Toni Morrison, etwa wenn Kristina vom Gespenst ihrer ermordeten Tochter heimgesucht wird. Ein starker Roman, der die LeserInnen bis zum Ende fesselt.

 

C.C

 

Johanna Holmström, Die Frauen von SJÄLÖ, Ullstein, 2019.