Fotografie-Hit

Vivian Maier


© Estate of Vivian Maier, Courtesy of Maloof Collection and Howard Greenberg Gallery, NY
© Estate of Vivian Maier, Courtesy of Maloof Collection and Howard Greenberg Gallery, NY

Die faszinierende Geschichte um das fotografische Werk von Vivian Maier findet mit einer neuen Ausstellung Vivian Maier. In her own hands. eine Fortsetzung. Innerhalb weniger Jahre ist Vivian Maier (1926-2009) zu einer bedeutenden amerikanischen Fotografin des 20. Jahrhunderts aufgestiegen. Dabei hat sie zeitlebens niemandem ihre über 150.000 Aufnahmen gezeigt und selbst einen Großteil ihres Werkes nie gesehen. Einige tausend unentwickelte Filmrollen fanden sich neben Vintages und Negativen 2007 bei einer Zwangsversteigerung.

Vivian Maiers fotografischer Blick fasziniert noch heute. Geboren wurde Vivian Maier 1926 in New York als Tochter europäischer Einwanderer. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie über vierzig Jahre lang als Kindermädchen, doch ihre wirkliche Passion galt der Fotografie. Mit ihren Fotografien fing sie das Straßenleben von Chicago und New York überwiegend in den 1950er und 60er Jahren ein. Sie fotografierte unvermittelt was sie sah und vertraute ihrer Intuition. Ihre Bilder erzählen von der Schönheit des Gewöhnlichen und dem so oft Tragisch-Komischen in den banalen Dingen des Lebens.

 

Jana Idris

 

Vivian Maier, In her own hands, 26. September 2018 bis 6. Januar 2019, FkWBH, Berlin

 

Ausstellung-Hit

Cao Fei


© Andreas Endermann / © Kunstsammlung NRW
© Andreas Endermann / © Kunstsammlung NRW

Die chinesische Künstlerin Cao Fei (Jahrgang 1978) gilt als Pionierin einer Künstlergeneration, für die digitale Medien und Netzwerktechnologien zum Alltag gehört. In Auseinandersetzung mit den neuesten medialen Errungenschaften entfaltet die in Peking lebende Künstlerin ihr vielseitiges Werk. Die erste große Einzelausstellung zu Cao Feis Werk in Deutschland präsentiert nun die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Der Überblick im K21 umfasst ihr bisheriges künstlerisches Schaffen von 1995 bis 2017: Videos und Fotografien, Multdimedia-Installationen sowie noch nie in Ausstellungen gezeigte Zeichnungen. 

Cao Feis Werke reflektieren eingehend die gesellschaftliche und urbane Situation Chinas, die von massiven Veränderungen geprägt ist. An der Grenze von Fiktion und Realität findet die Künstlerin Inspiration auch in ihrem direkten Umfeld. Durch die von ihr genutzte und global verbreitete Film- und TV-Ästhetik scheinen die Arbeiten weithin verständlich zu sein. 

 

Jana Idris

 

Cao Fei, 06.10.2018 – 13.01.2019, K21 Ständehaus, Düsseldorf 

Graphic Novel-Hit

German Calendar No December


 © Birgit Weyle/ Avant-Verlag
© Birgit Weyle/ Avant-Verlag

Die nigerianische Autorin Sylvia Ofili und die Hamburger Zeichnerin Birgit Weyle erzählen die Geschichte eines Lebens in zwei Welten: eine Kindheit in Nigeria mit einer deutschen Mutter und einem nigerianischen Vater, den Wechsel von der Provinz wo jeder jede kennt, zur anonymen Großstadt, in der andere Regeln herrschen und ihre ersten Schritte als schwarze, afrikanische Frau in Deutschland. Um uns die Welt der Heldin Olivia Evezi, näher zu bringen, wechselt die Zeichnerin mit Virtuosität zwischen realistischen und traumartigen Bildern. Die Frage des Außenseiters, der Identität und der kulturellen Codes durchziehen die ganze Graphic-Novel. Auch wie man sich gegenüber Unrecht und Unterdrückung verhält. Durch die Erfahrungen der Heldin, schlüpft man in die Haut eines schwarzen Menschens, der das erste Mal nach Europa kommt und trotz eines deutschen Passes, zuallererst als Fremde wahrgenommen wird. Höchstens wird sie von manchen studentischen Kommilitonen als exotisch betrachtet. Die besten Freunde von Olivia Evezi, ein Blumenverkäufer, eine Toilettendame helfen illegalen Migranten am Hamburger Hauptbahnhof wie sie können. Diese Menschen und deren Schicksal, die schon lange keine Gesichter und Menschlichkeit in vielen Medien mehr bekommen, werden durch diese Erzählung wieder sichtbar und fühlbar. Ein sehr aktuelles Comics-Buch.

 

GERMAN CALENDAR NO DECEMBER, Sylvia Ofili und Birgit Weyle, Avant-Verlag, 2018.

 

C.C

Musik-Hit

Maja Ratke und Laurie Anderson


 © Ebru Yildiz
© Ebru Yildiz

So muß es sich anfühlen im Auge des Orkans  : wenn es wütet und donnert, rauscht und hämmert, wummert und heult, oft ohrenbetäubend laut. Und dann werden Maja Ratkjes elektronischen  Soundarrangements wieder ganz leise und die Klänge so subtil, daß man Tropfen fallen hört und die Künstlerin nur noch raunt. Zum Auftakt der sechsten Auflage des Festivals A l’Arme bespielt die norwegische Komponistin und Sängerin mit einem ihrer seltenen Solo-Auftritte das gefühlt 40 Grad heiße Radialsystem in Berlin. Ratjke, die sich selbst als Anarchofeministin bezeichnet, nimmt das Publikum auf ihrem mal geheimnisvollen, mal brachialen Trip mit an die Front der Neuen Musik. Virtuos wickelt die 44-Jährige ihren Gesang in Loops, schleudert Töne und Geräusche wie Blitze durch den Raum, steigert die Bässe ins Unerträgliche, verfremdet live gesungene Melodiefetzen allmählich zu kreischenden Soundattacken.

Derart durchgerüttelt treffen die schweißgebadeten Zuhörer im zweiten Teil des Konzerts auf die US-Performance-Legende Laurie Anderson, die in Berlin erstmals zusammen mit Bill Laswell und dessen «  Kollisionsensemble  » Method of Defiance spielt – frei nach Laswells Motto «  Nichts ist richtig, alles ist erlaubt  ». Mit ihrer elektrischen Violine entspinnt die weiß gekleidet, koboldhaft wirkende Anderson Dialogfragmente mit ihren Mitstreitern an Trompete, Bassgitarre oder Schlagzeug. Über drängende Grooves aus dem Drum’n’Bass, Dub oder Hiphop legt Dr. Israel seinen Sprechgesang, der Trompeter Graham Haynes lässt mit tranceartigen Soli eine Traumwelt entstehen, in der die 71-jährige Anderson mit ihren Pizzicati auf der Geige wandelt. 

Auch an diesem experimentellen Abend tritt Anderson ans Mikrofon, um mit ihrer weichen Stimme von der Wahl Donald Trumps zu erzählen und das Publikum dann aufzufordern, für zehn Sekunden zu schreien – im Gedanken an die Tweets des US-Präsidenten, Nordkorea oder «  all die Dinge, die gerade in Eurem Leben falsch laufen  ». Am Kollektivschrei gemessen muß der Frust der Zuschauer beträchtlich sein.

Es ist ein furioser Auftakt des Festivals, das in sein sechstes Jahr geht. «  Störung aus Prinzip. Lärm als Bereicherung. Klang als Material für Erfahrung und Erkenntnis  »  : So bringt Arno Raffeiner im Programmheft den Anspruch des Festivals auf den Punkt, das bis Samstag weitere Avantgardekünstler wie das Improvisatorinnen-Trio Joëlle Léandre, Matilda Rolfsson und Elisabeth Harnik zeigt. 

Zu wünschen ist, dass bei allem Lärm der Sound nicht untergeht – nachdem am Eröffnungsabend die eindrucksvollsten Klangbauten leider ein ums andere Mal weit über die Schmerzgrenze beschallt wurden.

 

Hanna Pflüger

 

Festival A l’Arme im Berliner Radialsystem, vom 1. bis 4. August. Maja Ratjke tritt u.a. am 15. September in Krakau auf und spielt am 15.10. wieder in Berlin, diesmal mit Andreas Borregaard und dem Sonar Quartett im Heimathafen.

Ausstellung-Hit

Lynn Hershman Leeson


 © Installationsansicht in der Ausstellung First Person Plural, KW Institute for Contemporary Art, Berlin, 2018, Courtesy die Künstlerin und Bridget Donahue, New York, Foto: Frank Sperling
© Installationsansicht in der Ausstellung First Person Plural, KW Institute for Contemporary Art, Berlin, 2018, Courtesy die Künstlerin und Bridget Donahue, New York, Foto: Frank Sperling

Auf vier hintereinander geschalteten Leinwänden und mehreren alten Fernsehschirmen in einer kahlen Fabrikhalle flimmert das Gesicht einer ruhig wirkenden Frau. Zwischen zwei Lautsprechern sitzend hört der Besucher ihre teils intimen Bekenntnisse, wie sie von sexuellem Missbrauch als Kind, einem Hirntumor und häuslicher Gewalt berichtet. Um dann wieder Zweifel daran zu streuen, ob dies wirklich alles so geschehen ist. 

Die Frage nach Identität und Wahrheit zieht sich seit Jahrzehnten durch das Werk von Lynn Hershman Leeson. Allein für ihre Arbeit First Person Plural, the Electronic Diaries of Lynn Hershman (1984-96) zeichnete die Pionierin der Neuen Medien über zwölf Jahre diese irritierenden, manchmal verstörenden Tagebuch-Einträge vor der Kamera auf.

Nun ist Hershman-Leeson in einer zweiteiligen Ausstellung der KW zu sehen, die für die Dauer dieser Biennale gleich an mehrere neue Orte gegangen sind. Einer davon ist die Kreuzberger Halle The Shelf, wo First Person Plural zu sehen ist. Dazu gehören auch zwei interaktive Installationen, in denen die 1941 geborene US-Künstlerin mit technologischen Innovationen experimentiert, die Frage nach der gesellschaftlichen Rolle von Medien stellt, Geschlechterstereotypen dekonstruiert. So entpuppt sich ein Spiegel über einem Frisiertisch in ihrer jüngsten Arbeit Venus ot the Anthropocene (2017) als Tablet, das mit einer Gesichtserkennungssoftware Alter, Geschlecht und Stimmung der Betrachter bestimmt. Auch ein davor platziertes anatomisches Modell mit weißblauer Perücke und goldfarbenen Organen greift die Frage nach der Beziehung zwischen Mensch und Maschine auf.

Auf eine Art Zeitreise geht der Besucher im Novalis Hotel in der gleichnamigen Straße: hier nimmt Hershman-Leeson ihr bekanntestes Projekt wieder auf, The Dante Hotel aus den 70er Jahren. Nachdem sie damit gescheitert war, die Arbeit mit ihrem Alter Ego Roberta Breitmore in ein Museum zu bringen, ging die Feministin in ein Hotelzimmer. In dem mehrjährigen Projekt inszenierte sie Breitmores aus Stereotypen zusammengesetztes Leben in Echtzeit, hob die Trennung von Kunst und Realität auf. Die Besucher versuchten, der vermeintlichen Identität Breitmores – meist von Hershman-Leeson, aber immer wieder auch von Anderen dargestellt - anhand von Accessoires, Wachsfiguren, Geräuschen auf die Spur zu kommen. 

In Zimmer 5 in Berlin-Mitte sind es nun Roberta Lesters Kleidung, Notizen, Telefon und Computer, die wie Puzzleteile verstreut sind. Die Besucher werden eingangs gebeten, durch das Trinken aus einem Plastikbecher ihre genetischen Spuren zu hinterlassen. Während diese noch über die allgegenwärtige Überwachung und darüber grübeln mögen, inwieweit sie noch die Kontrolle über ihre Identität haben, wird Hershman-Leeson am letzten Tag dieser ungewöhnlichen Installation, dem 17. Juni, mit einem Forensiker über das so gesammelte Gen-Material sprechen.

 

Hanna Pflüger

 

Lynn Hershman Leeson bei den KW, Institut for Contemporary Art. First Person Plural bis zum 15. Juli. The Novalis Hotel bis zum 17. Juni.

Buch-Hit

Das beherrschte Geschlecht


Der Titel ist bewußt etwas provokativ wie für eine Streitschrift ausgesucht. Dahinter verbirgt sich aber ein sehr gut recherchiertes Sachbuch der Psychologin Sandra Konrad, das alle Themen rund um die weibliche Sexualität untersucht, beginnend mit einem historischen Teil über die männlichen Normen bei der weiblichen Sexualität bis zu der Frage der weiblichen sexuellen Freiheit. Dazwischen beleuchtet sie die Wirkung vieler aktueller Themen wie Prostitution, Pornografie oder sexualisierte Gewalt auf das Frauenbild. Ihre These besteht darin, daß viele Frauen besonders die jungen, immer noch vielen männlichen Normen hinter dem äußeren Mantel eines emanzipatorischen Verhaltens, folgen. 

« Wie frei und sexuell selbstbestimmt sind Frauen im 21.Jahrhundert? Hat weibliche Sexualität sich emanzipiert oder lediglich maskulinisiert? Und wie viel wissen Frauen wirklich über ihre eigene sexuelle Identität? ». Um diese Fragen zu beantworten entlarvt die Psychologin bis heute wirksame Geschlechterklischees. So wird bis heute zum Beispiel in der Alltagssprache der pejorative Begriff « Nymphomanin », der früher aktiv sexuelle Frauen beschrieb, verwendet. Mit einem vorsichtigen Ton, aber auch manchmal einer angenehmen subjektiven Sprache verbindet sie psycho-historische Erkenntnisse mit aktuellen Forschungsergebnissen aus der Sexualwissenschaft und zahlreichen Interviews mit jungen Frauen und zeigt wie unbewusste Rollenvorgaben noch heute die Weiblichkeit, das Begehren und die Sexualität von Frauen prägen. Ein zugleich lehrreiches und zum Nachdenken anregendes Buch.

 

C.C

 

Sandra Konrad, Das beherrschte Geschlecht, warum sie will was er will. Piper. 2017.

Austellung-Hit

Sibylle 1956-1995


© Foto: Ute Mahler Reprofoto: Werner Mahler
© Foto: Ute Mahler Reprofoto: Werner Mahler

Sie galt als die "Ost Vogue". Von 1956 bis 1995 erschien Sibylle, eine Frauenzeitschrift, die schnell eine herausragende Bedeutung erlangte. Sie erreichte eine Auflage von 200.000 Exemplaren pro Ausgabe und war stets in kürzester Zeit (wie auch andere Waren) vergriffen. Beiträge über Mode, Kunst, Architektur, Design und Gesundheit gehörten zu ihrem Repertoire. Das Magazin setzte auf anspruchsvolle künstlerische und inhaltliche Maßstäbe, die verglichen mit damaligen und auch heutigen Frauenzeitschriften, Sibylle einen kosmopolitischen Flair verliehen. Zu diesem Niveau und Erfolg trugen maßgeblich die engagierten Fotografen, darunter Sibylle Bergemann, Arno Fischer, Ute Mahler, Werner Mahler oder Sven Marquardt bei. Eine aktuelle Ausstellung im Kunstgewerbemuseum Dresden würdigt besonders deren Arbeiten. Mithilfe von historischem Material wie Zeichnungen, Zeitschriften und Berichten, aber auch anhand von Modeschmuck und Filmen wird zudem die Entstehung, Entwicklung und Bedeutung der Sibylle für die Kulturgeschichte und Modewelt der DDR präsentiert.

 

Sibylle 1956-1995. Zeitschrift für Mode und Kultur. Kunstgewerbemuseum, Schloss Pillnitz. Bis zum 4.November 2018.

Ausstellung-Hit

Männlicher Krieg-weiblicher Frieden?


Judith mit dem Haupt des Holofernes (nach L. Cranach d.Ä.)/ ©MHM/ Andrea Ulke
Judith mit dem Haupt des Holofernes (nach L. Cranach d.Ä.)/ ©MHM/ Andrea Ulke

Die Infragestellung von Geschlechtsstereotypen ist nicht unbedingt etwas was man von einem militärhistorischen Museum erwartet. Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden beweist das Gegenteil mit einer klugen Ausstellung, die sich mit der Frage von der Verbindung zwischen Gewalt und Geschlecht auseinandersetzt. Ist « weiblich » das Pendant zu « schwach », « männlich » das Pendant zu « soldatisch »? Oder ist das, was als typisch männliches und weibliches (Gewalt-) Verhalten gilt, die Folge von gesellschaftlichen Regeln und Traditionen, die folglich auch veränderbar sind?  Die über 1000 Objekte und Werke- darunter Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Zeichnungen, wissenschaftliche Studien, Uniformen, Tagebücher, archäologische Fundstücke, Tondokumente - bringen zwar keine eindeutige Antwort auf diese Fragen, vielleicht ist es auch unmöglich. Dagegen sensibilisiert diese Ausstellung für einseitige Frauen- und Männerbilder.

 

 

Gewalt und Geschlecht: Männlicher Krieg-Weiblicher Frieden? Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Dresden. Bis 30. Oktober. 

Graphic Novel-Hit

Das leere Gefäß


© Magdalena Kaszuba/Avant-Verlag
© Magdalena Kaszuba/Avant-Verlag

Es ist eine sehr persönliche Geschichte, die die Hamburger Künstlerin Magdalena Kaszuba in Das leere Gefäß erzählt. Mit einer sehr eindrucksvollen Bildsprache fängt sie bei einem Spaziergang durch die kalte Hafenstadt, eine Reise in ihre Kindheit, zu ihren polnischen Wurzeln und ihrer schuldbehafteten Beziehung zu der katholischen Kirche an. Durch traumartige Aquarellbilder kann der Leser ihre Prägung durch die streng katholische Großmutter, die Sehnsucht nach der polnischen Ostsee und die zwiespältigen Gefühle eines Mädchens bei den Ritualen der katholischen Kirche sehr nah erleben. Höhepunkt ihrer Erzählung: Die Beichte vor der Kommunion entpuppt sich als ein Albtraum von dem man unbedingt aufwachen möchte. Angesichts der aktuellen Entwicklung Polens, das die traditionellen Werte, unter anderem den katholischen Glauben, in den Mittelpunkt des Lebens seiner Bürger setzten möchte, regt diese bildliche Introspektion selbst wenn man kein Atheist ist, sehr zum Nachdenken an.

C.C

 

Das leere Gefäß, Magdalena Kaszuba, Avant-Verlag 2018.

Theater-Hit

What if Women Ruled the World?


© Birgit Kaulfuss
© Birgit Kaulfuss

Die israelische Künstlerin Yael Bartana geht in der Volksbühne der Frage nach: What if Women Ruled the World? (Was, wenn Frauen die Welt regierten?). Das Szenario des nahenden Weltuntergangs lässt in jeder Vorstellung verschiedene international renommierte Expertinnen auf Schauspielerinnen treffen, die um eine Entscheidung ringen, wie die Welt zu retten ist: Sollen die Präsidentin und ihre Ministerinnen an der pazifistischen Verfassung und dem Abrüstungsprogramm ihres Landes festhalten, obwohl ein anderer Staat ein gemeinsames Abkommen gekündigt hat und sein Atomarsenal aufstockt? Für das Experiment lud die in Berlin lebende Bartana unter anderem die Menschenrechtsaktivistin Seyran Ates, die Atomwaffenexpertin Beyza Unal und Paula Peters von der Plattform change.org ein.

Mit einem Projekt über die Geschichte der polnisch-jüdischen Beziehungen vertrat Bartana 2011 Polen auf der Biennale von Venedig. Ein Jahr später kam sie mit ihrem ersten Theaterprojekt ins Berliner HAU, wo sie die Teilnehmer über ihre Utopien für die Europäische Union, Polen und Israel diskutieren ließ. Zu ihrem vielseitigen Werk gehören auch Fotografien, Filme und Performances.

 

Hanna Pflüger

 

Deutsche Erstaufführung: 12. April, weitere Vorstellungen 13, 14. April und 6. und 7. Juni.

 

Musik-Hit

Sophia Kennedy


©Rosanna Graf
©Rosanna Graf

"Build me a House", singt das Wesen, nicht ganz von dieser Welt, eine junge Frau mit knallrotem Lippenstift in einem bläulichen gummiartigen Schnecken-Anzug mit Fühlern, aber ohne Haus. Im Hintergrund ein folkoristisch anmutender Frauenchor, während die Schnecke am Flügel sitzt und von ihrem Haus träumt. So ungewöhnlich-surreal ihre Videos, so experimentell ist die Popmusik von Sophia Kennedy. Ihre Stimme: dunkel, klar und sehr selbstbewußt. Die Klänge: mal Crooner, mal R´n´B, mal minimalistisch. Klavier neben Orgel neben Elektro. Sophia Kennedy spielt mit Sprache und textet ins Absurde, manchmal wird es melancholisch, manchmal fast pathetisch. Die in den USA geborene Musikerin kam als Kind nach Deutschland und lebt heute in Hamburg. Mit 27 schrieb sie ihr erstes eigenes Album: ein Jahr lang arbeitete die junge Frau an dem Debüt, mitproduziert von Mense Reents von den Goldenen Zitronen. 2017 erschien die Platte bei Pampa Records - auch für das auf Elektromusik spezialisierte Label von DJ Koze war das erste Songwriter-Album eine Premiere.

 

Hanna Pflüger

 

Sophia Kennedy war im Konzert am 20. März in Berlin, am 22. März in Hamburg.

 

Buch-Hit

Das Lachen der Medusa


Dieser engagierte Essay konnte mir nicht entgehen. Ich habe ihn spät entdeckt, aber was für eine Entdeckung! Im Jahre 1975 in Frankreich veröffentlicht und erst 2013 auf deutsch erschienen, dieses Manifest fühlt sich wie eine Vulkanexplosion an. Durch den subjektiven und kämpferischen Ton, die poetische und verspielte Sprache, den von Psychoanalyse und Dekonstruktion geprägten Gedankenstrom, wird man mitgerissen, und lässt sich gern auf dieser Reise ewig treiben. Die Feministin Hélène Cixous appeliert, nein, viel mehr, sie schreit nach einer écriture féminine. " Und warum schreibst Du nicht? Schreib! Schrift ist für Dich, Du bist für dich, Dein Körper ist dein, nimm ihn." Sie, die sich selber nie als Feministin gesehen hat, stellt das weibliche Begehren und dessen Körper in den Mittelpunkt dieser neuen Schrift: ein Motiv, das von vielen männlichen Stimmen wie Sigmund Freud als schwarzer Kontinent beschrieben wurde. Darin sieht sie eine Parallele zwischen der Kolonisierung des weiblichen Körpers und des afrikanischen Kontinents. Höhepunkt ihres Textes ist die Umkehr der Darstellung der mythischen Figur Medusa, die oft als eine die Männer kastrierende, weibliche Schreckgestalt gedeutet wird. Nein, sie ist nicht tödlich, schreibt Hélène Cixous "Sie ist schön und lacht". Ein weiterer, schöner Ansatz der Schriftstellerin, die sowohl mit Jacques Derrida als auch Michel Foucault befreundet war, stellt ihr Denken dar, das Frauen in ihrer Vielfalt betrachtet: "Es gibt (...) keine allgemeine Frau, keine typische Frau". Ein essenzieller Text, von dem man nicht genug bekommt.

 

C.C

 

Hélène Cixous, Das Lachen der Medusa, zusammen mit aktuellen Beiträgen. Herausgegeben von Esther Hutfless, Gertrude Post, Elisabeth Schäfer. Passagen Verlag. 2013