Oh Mann! Warum wir über Männlichkeit sprechen müssen

© Magdalena Kaszuba
© Magdalena Kaszuba

Männer waren für mich die ersten Fremden. Ich wuchs in einer stark von Frauen geprägten Welt auf. Meine Mutter und mein Vater haben beide nur Schwestern, ich selber auch nur eine Schwester. Die Frauen blieben zu Hause oder arbeiteten nur in Teilzeit, so dass meine natürlichen und häufigsten Ansprechpartnerinnen eben weiblich waren: Mutter, Tante, Kusine, Großmutter. Die erwachsenen Männer, die ich irgendwann wahrnahm, teilten sich in zwei Kategorien auf: In diejenigen, die mich – wie mein Großvater – von Beginn an ernst nahmen und in jene, die sich durch ihre Abwesenheit und Distanz bemerkbar machten. Da ich folglich fast ausschließlich von Frauen umringt war, hatte ich bereits früh das Gefühl, dem starken Geschlecht anzugehören und ungemein großes Glück zu haben, als Frau geboren worden zu sein. Gleichzeitig war ich fasziniert von diesem anderen Wesen, das Mann oder Junge genannt wird. Erst Jahre später, als ich mit dem Arbeitsmarkt konfrontiert wurde, begriff ich, wie die Macht zwischen Männern und Frauen in der Gesellschaft tatsächlich verteilt wird. Das war der Zeitpunkt, als ich anfing, mich mit Frauen und Feminismus zu befassen. 

 

Stellt man die Strukturen, in denen Frauen leben in Frage, fängt man automatisch an, über den Mann nachzudenken. Dennoch bleiben der "Mann" für die meisten Menschen sowie den Mainstream-Feminismus ein noch unerforschtes Terrain. Wir Feministinnen reden und denken viel über uns und unsere Rechte nach, aber oft wenig über das Mannsein. Daran haben auch die Männer einen gewaltigen Anteil, denn sie reden eher ungern über sich. Gute und erfolgreiche Bücher über Männlichkeit, geschrieben von männlichen Autoren, sind Mangelware. Erst langsam entdecken manche Autoren dieses Gebiet. Auffällig war diese Stille, als die #MeToo-Welle im Oktober 2017 über uns hinwegrollte. Sie war der Ausdruck einer Vielfalt von Gefühlen: einerseits einer Schockstarre gegenüber dieses kollektiven Aufschreis der Frauen und andererseits von Irritation und Ärger, da die Männer das Ende ihrer Privilegien spürten oder sich teilweise ungerecht in die Rolle der Täter gedrängt sahen.„Auch wenn ich mir das nicht eingestehen wollte, ein Teil meiner virilen Identität wurde mir voll ins Gesicht zurückgeworfen“, schreibt der Philosoph Raphaël Liogier in seinem im Jahr 2018 veröffentlichten Essay Descente au coeur du mâle (auf dt. etwa „Reise ins männliche Herz“). Es löste bei ihm eine Auseinandersetzung mit männlichen Verhalten aus. So ähnlich wie bei dem Journalisten Hajo Schumacher, der im August 2018 Männerspagat (Verlag Lübbe) veröffentlichte:„Ich erfahre dauernd, wie ich nicht sein darf: wie Trump, wie Kollegah, wie unsere Väter, wie der Chef, wie früher.“

Andere wiederum verstehen diese Entwicklung als Gefahr. In einem langen Artikel in der Welt beschwerte sich Ende Januar der Philosoph Slavoj Zizek darüber, dass das Mannsein mittlerweile als Krankheit stilisiert würde. Anlass waren für ihn die neuen Guidelines der American Psychological Association (APA) im Bezug auf Jungen und Männer, die vor Kurzem veröffentlicht wurden. Sie beschreiben die traditionnelle Männlichkeit, die sich durch Stoizismus, Wettbewerb, Dominanz und Aggression kennzeichne, als in der Regel toxisch. Der Aufstand lies nicht lange auf sich warten, man warf der Gesellschaft vor, sie verwechsle Männlichkeit mit dem Verhalten von Harvey Weinstein und problematisiere die ganze Männlichkeit an sich. Ähnliche heftige Reaktionen wurden hervorgerufen, als die Rasierapparat-Marke Gillette im Januar einen neuen Werbespot vorstellte: Darin wurde die traditionnelle Männlichkeit kritisiert und für eine neue moderne Männlichkeit plädiert. Allein auf Youtube wurde dieses Video 28 Millionen Mal gesehen. 

 

Korsett für Männer

 

Eigentlich ist die traditionnelle Virilität eine Art Korsett für Männer: immer den ersten Schritt in Sache Verführung machen, eine Karriere, die auf Geld und Performanz angelegt sein soll, damit man sich die schönsten und jüngsten Frauen leisten kann, seine Sensibilität ersticken und sich für seine Verletzbarkeit und Zartheit schämen. „Natürlich ist es anstrengend eine Frau zu sein. (…) Aber neben was es bedeutet ein Mann zu sein, erscheint es wie ein Spaß“, schrieb Virginie Despentes in ihrem im Jahr 2006 veröffentlichen Essay King Kong Theorie. 

 Entgegen der Behauptung Slavoj Zizeks, geht es jedoch in den neuen Guidelines der American Psychological Association nicht darum, Männern die Risikobereitschaft zu nehmen und ihnen die Fähigkeit, ihre Emotionen in bestimmten Situationen zu beherrschen, abzusprechen. Es geht um eine größere Auswahl von Lebensmodellen, um die Feststellung, dass es einen klaren Zusammenhang gibt zwischen dem Festhalten an rigiden Vorstellungen der Männlichkeit einerseits sowie Depression oder Gewalttätigkeit andererseits. Laut der APA ist die Wahrscheinlichkeit, dass Männer in den USA an Selbstmord sterben 3,5 Mal mehr als bei Frauen. Männer begehen über 90 % der Morde und leben im Durchschnitt etwa 5 Jahre weniger als Frauen. Ähnliche Zahlen findet man auch in Europa. Diese Hypothese ist nicht neu, sie wird bereits seit drei Jahrzehnten von zahlreichen Wissenschaftlern und Psychologen formuliert.

Mein Großvater und mein Vater hatten nie die Wahl. In ihrer Welt gab es nur eine Möglichkeit, männlich zu sein: Stärke zeigen, Emotionen unterdrücken und Hauptversorger der Familie sein. Auch wenn sie sich nie laut darüber beschwert haben, so scheinen sie nicht ganz zufrieden mit diesem Lebensweg gewesen zu sein . Beide haben jeweils schwere depressive Episoden in ihren Fünfzigern erlitten. Ich möchte, dass mein Sohn mehr Möglichkeiten, mehr Leitbilder zu Verfügung hat. Eine Möglichkeit, die natürlich gleichzeitig auch mit mehr Freiheiten und Rechte für Frauen einhergeht.

 

Krise der Maskulinität

 

Diese Perspektive bereitet vielen Männern eine höllische Angst. Und das lassen sie besonders die Frauen spüren. „Niemand ist arroganter, aggressiver und herablassender gegenüber Frauen als ein Mann, der um seine Männlichkeit fürchtet“, schrieb die französische Schriftstellerin und Feministin Simone de Beauvoir (1908–1986) in ihrem berühmten Buch Das andere Geschlecht.

 Die erste Emanzipationswelle beginnend Ende des 19. Jahrhunderts, die mit sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen durch die Industrialisierung einherging, löste eine Krise der Maskulinität aus, wie die Philosophin Élisabeth Badinter in ihrem Essay XY im Jahr – Die Identität des Mannes 1992 beschrieb. Diese Angst um die traditionnelle Virilität und vor der emanzipierten Frau war besonders bei deutschsprachigen Autoren wie Otto Weininger, Paul Julius Moebius, aber auch Arthur Schopenhauer spürbar. „Die identitäre Angst der österreich-deutschen Männer steht auch in Verbindung mit der Entwicklung des Nazismus und des europäischen Faschismus“, behauptet die Philosophin und merkt mit Ironie an: „Letztendlich wurde die Krise der Maskulinität (…) vorübergehend durch den Krieg eingedämmt“.

Heute befinden wir uns wieder in einer Zeit des sozial-wirtschaftlichen Wandels, in dem die Forderungen der Frauen unter anderem durch die #MeToo-Bewegung wieder erstarken. Eine für Männer, aber auch für Frauen verunsichernde Lage. 

Zizek bemängelt, dass Jungen und junge Männer heute keine Initiationsrituale mehr absolvieren, wie beispielsweise den Wehrdienst, und sich deswegen „in ewige Jugendliche verwandeln". Im Gegensatz dazu locke die „herrschende Ideologie Frauen in die Verantwortung ". „So entsteht eine neue weibliche Figur: die kühle ehrgeizige Akteurin der Macht, verführerisch und manipulativ“. Ein besseres Klischee von Frauen an der Macht hätte man sich nicht ausdenken können. Diese Äußerung zeigt, wie schwer es ihm und vielen Männern offensichtlich fällt, ihre Ambitionen, Fantasien oder Verhaltensweisen neu zu definieren – kurzum ihren Platz in der Welt. Zizek übersieht auch, dass die kapitalistischen Systeme sehr wohl kriegerischen Situationen ähneln und somit in gewisser Weise der Eintritt in die Berufswelt auch der Wehrpflicht gleicht. Zynismus, Profitgier, auch zum Nachteil anderer, die Eroberung von Märkten. Selbst der Wirtschafts- und Finanzwortschatz erinnert an militärische Manöver. Und: Eigentlich haben sich die meisten Demokratien darauf geeinigt, dass Krieg zu vermeiden sei.

 

Alte Denkstrukturen

 

Viele klammern nach wie vor an alten Denkstrukturen fest – sowohl Männer als auch Frauen. Da muss man nur auf die Anzahl der Wählerinnen von Donald Trump blicken. Oder auf den Erfolg der Konferenzen des kanadischen Professors für Psychologie, Jordan Petersen. Oder auf die Verkaufszahlen des Bestsellers, Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus. All diese WählerInnen, LeserInnen oder ZuschauerInnen sind nicht bloß stumpfe Konservative oder gar Rechte. Sie haben offensichtlich keinen anderen Lebensweg gefunden, von dem sie Vorteile hätten. 

Für die Mehrheit der Bevölkerung stellt der moderne Mann noch kein erfolgsversprechendes Modell dar. Die wirtschaftlichen wie politischen Rahmenbedingungen sind immer noch für traditionnelle Rollen ausgelegt: « für Frauen lässt sich der Heiratsmarkt am besten bezahlen », also es lohnt sich mehr zu heiraten als zu arbeiten, wie es die Soziologin Jutta Allmendinger beschrieb und von Männern wird nach wie vor erwartet, dass sie ihre ganze Energie in ihrer Karriere widmen und die Familie allein bzw. fast allein finanzieren. Hinzu kommt, dass die Konturen einer anderen Männlichkeit noch sehr unscharf sind. „Je verbissener ich forschte, desto rätselhafter erschien er mir, der Mann. (…) Mannsein ist unübersichtlicher denn je“, schreibt Hajo Schumacher. Selbst wenn viele Männer und Frauen sich ein anderes Leben wünschen würden, ist es ihnen oft unmöglich oder mit viel Risiken und Schmerz verbunden. Der Mensch ist ein zutiefst utilitaristisches Tier, sobald er einen Nutzen in einer Sache findet, nimmt er diese sofort an. Medial scheint dennoch eine Revolution im Gange zu sein. Die heftigen Gegenreaktionen auf die neue Gillette-Werbung, auch die Existenz von Incels (Angehörige von Online-Communitys, die einer bestimmten frauenfeindlichen, gewaltverherrlichenden Ideologie anhängen) sind ein Beweis, dass der Zug der Gleichberechtigung mit hoher Geschwindigkeit fährt.

 

Erziehung und Vorbilder

 

Dabei spielen Erziehung und Vorbilder eine sehr wichtige Rolle. Wie oft wurde und wird noch immer einem Jungen gesagt, er solle nicht „wie ein Mädchen weinen"? Wenn auch subtiler, ist ebenfalls die Tatsache, dass manche Eltern auch heute noch unbewußt andere Maßstäbe für das Verhalten gegenüber Töchtern und Söhnen setzen. Die Bedeutung der Anwesenheit der Väter, nicht physisch, sondern vor allem psychisch und emotional, ist zentral. Generationen von Kindern sind nur von Müttern bzw. von Frauen großgezogen worden. Seit einigen Jahrzehnten beteiligen sich die Väter mehr an der Erziehung. Neben der weiblichen Emanzipation stellt dies die andere große gesellschaftliche Revolution dar. Élisabeth Badinter schrieb dazu „der versöhnte Mann kann nur von einer großen väterlichen Revolution geboren werden."

 

Die Neudefinition der Männlichkeit führt nicht zu ihrer Zerstörung. Dies wäre meines Erachtens auch weder erstrebenswert noch realistisch. Denn das Geschlecht und damit der Körper sind die primäre Quelle der Identitätsbildung und -wahrnehmung. Um es mit den Worten von Raphaël Liogier zu sagen. Es geht darum, „die Bedeutung von Weiblichkeit sowie Virilität durch andere Werte neu zu definieren" und einen „neuen intimen und sozialen Vertrag" zu schließen. Ich hoffe, dass mein Sohn dies noch erleben wird.

 

C.C

Über die Illustratorin: Magdalena Kaszuba ist 1988 in Langenbielau in Polen geboren und in Deutschland aufgewachsen. Sie studierte Illustration bei Anke Feuchtenberger an der HAW Hamburg und zeichnete bisher unter anderem Comics für Le Monde diplomatique, das Goethe-Institut China und Böll.Thema, das Magazin der Heinrich-Böll-Stiftung. Im Frühjahr 2018 erschien ihr Debüt Das leere Gefäß im avant-verlag, für das sie im November 2017 einen Förderpreis, im Rahmen des Hochschulwettbewerbs, von der Hans-Meid-Stiftung erhalten hat. Sie lebt und arbeitet in Hamburg.